«Mich erstaunt immer wieder wie viel Angst die Menschen vor Lebensmitteln haben»

April 26, 2019
Food Expert

Woher kam die Begeisterung für das Essen, für Lebensmittel und Slow Food? Kanntest Du Slow Food bereits vor Deinem Studium?

Ich bin in der Schweiz aufgewachsen, ohne wirklich zum Thema Essen sensibilisiert zu werden. Ich habe nicht darauf geachtet, wie unser Lebensmittelsystem funktioniert. Slow Food kannte ich bereits aus der Schweiz, in Amerika habe ich jedoch ganz ein anderes Slow Food entdeckt. Es gibt viel mehr junge Leute, welche Teil der Bewegung sind. Ausserdem sind sie viel politischer unterwegs und dazu mehr «grassrooted»**. Als ich vor 15 Jahren in Amerika war, hatten sie eine politische Kampagne: Was wird Kindern in Kantinen zu Mittagessen serviert. Zudem waren «community gardens» sowie «urban gardening» voll im Trend. In Amerika habe ich erstmals erkannt, auf welche extreme Art und Weise unser Lebensmittelsystem kaputt ist. Mir ist aufgefallen, je weiter du mit der U-Bahn die Stadt verlässt, umso dicker werden die Leute. Sie haben ausserhalb keinen Zugang zu guten Lebensmittel und zudem sind gute Lebensmittel teuer. Es ist die Rede von sogenannten «food deserts***».


Wie stehst Du persönlich dem Thema Food Waste gegenüber, wo siehst Du Potenzial?

Food Waste ist ein grosses Problem! Für mich geht Food Waste sowie Abfall (Gegenbewegung: «Zero Waste») alles in die gleiche Richtung. Es ist eng mit der Ignoranz der Menschen und der Konsumgesellschaft verknüpft. Mir geht es darum Menschen diesen Themen gegenüber zu sensibilisieren.


«Leaf to Root» ist einer der Kurse, welchen Du mit Esther Kern im «Sobre Mesa» anbietest. Wie können Anfängern am besten mit dieser Zubereitungsart beginnen? Eventuell ein paar Einsteigerrezepte oder Ideen?

Ich finde «Leaf to Root» wirklich super, ich liebe das Thema! Du erhältst super Nährwerte, sparst an Zeit, verwertest das Ganze und schälst weniger. In den meisten Supermarktläden werden der Grossteil wie zum Beispiel die Wurzeln oder die Stängel bereits entfernt. (Dabei können die Kerne von einer Papaya gegessen werden und Karottengrün zaubert einem ein göttliches Pesto.) Es ist einfach Routine geworden und mich erstaunt es immer wieder, wie viel Angst die Menschen vor Lebensmitteln haben. Sie trauen sich nicht es ungeschält zu essen oder weiter zu verarbeiten. Ausserdem finde ich, dass wir an Selbstsicherheit verloren haben, das Ablaufdatum auf unseren Lebensmitteln ist ausschlaggebend geworden.


Die Ganze Slow Food Philosophie GUT, SAUBER, FAIR wird in La Flor verinnerlicht. Der persönliche Kontakt zu den Kakaobauern ist Euch wichtig. Wie wirkt sich dies auf Eure Produkte aus?

Es verleiht dem Produkt einen ganz anderen Wert aber dies interessiert nicht jeden. Wir haben kürzlich ein Buch zu La Flor herausgegeben in welchem wir die Menschen, mit welchen wir zusammen arbeiten portraitiert haben. Für unsere Kunden, welche sich dafür interessieren, sind die Informationen vorhanden. Wenn du jedoch einfach eine gute Schokolade kaufen möchtest, ist dies auch okay. Während der Produktion unserer Schokolade ist es uns wichtig, das Aroma der Kakaobohne zu bewahren.

Unsere Schokolade wird ohne Nüsse, Salz oder Chili hergestellt, aber mit Farina Bona einem Slow Food Presidio**** aus dem Tessin. Vielen Leuten ist es egal, dass das Maismehl in der letzten Mühle hergestellt wird und für unsere Kulturgeschichte sehr wichtig ist. Für die meisten muss es halt einfach fein sein.

Es gibt Menschen, die einfach eine Tafel Schokolade kaufen möchten, ohne sich viele Gedanken darüber machen zu müssen. Ich persönlich würde jedoch keine Schokolade herstellen, nur weil diese etwas rettet, aber nicht genussvoll ist.


Was ist Dir in Deinen Kursen besonders wichtig?
Ich versuche in meinen Kursen die Welt den Menschen einfach ein wenig zu öffnen.

So habe ich zum Beispiel Bierkurse für Frauen angeboten, um ihnen die Vielfältigkeit dieses kulturellen Produktes näher zu bringen. Mir ist es wichtig, das Edukative, was Slow Food sich zum Ziel gesetzt hat, durch den Genuss den Menschen näher zu bringen. So versuche ich in meinen Kursen Bereiche abzudecken, für welche die Leute Interesse zeigen, aber häufig nicht wissen, wo anfangen.

Nachdem Laura Schälchli in New York an der Parsons Universität Design Management studierte, entschied sie sich für einen Master in Food Kultur und Kommunikation an der Universität für gastronomische Wissenschaften in Bra. In dieser Stadt wurde Mitte der 80er Jahre die Slow Food* Bewegung von Carlo Petrini gegründet. Vor knapp einem Jahr hat Sie gemeinsam mit vier Partnern die Schokoladenmanufaktur La Flor gegründet. Des Weiteren bietet Laura Kurse zu unterschiedlichen Themen im Food-Bereich an.